Barfuß durch die Hölle. Wenn der Vertrag den Plan ersetzt

Wenn der Vertrag den Plan ersetzt: Agile Projekte helfen

Gelegentlich treffe ich Leiter großer Projekte, wirklich gestandene, erfahrene Menschen, die echt fertig aussehen. Gefühlt stehen Sie kurz vorm Burn-out: fahrig mit einem nervösen Zucken im Gesicht, hektische Flecken – Getriebene, aufgerieben zwischen Ehrgeiz und Sachzwang. Das habe ich im letzten Jahr mehrfach er- und vor einigen Jahren selber fast nicht überlebt.

Wenn der Berg ruft. Aufstieg zum Projekt-Olymp

WAS im Projekt gemacht wird, ist da irrelevant, WIE es gemacht wird, verschleißt das Nervenkostüm. Ob es dabei um eine Einführung eines Product Livecycle Management (PLM) Systems handelt, um den globalen Rollout eines neuen Kommunikationssystems oder die Einführung einer neuen Business-Software. Oft geht es um den großen Wurf, die eierlegende Wollmilchsau, die alle Probleme der globalen und fragmentierten Unternehmensstruktur zu lösen verspricht – zumindest in den Powerpoint-Orgien der Toolgläubigen.

Wie sollte man sonst noch in der Lage sein, ein multinationales Unternehmen zu steuern? Ein Hebel für Tausende Zahnrädchen, die Weltformel im Unternehmensformat. Es sprudelt die Quelle, und Budgets in Höhe zweistelliger Millionenbeträge werden mit roten Wagen und leuchtenden Augen abgesegnet. Für viele gestandene Projektleiter ist das die ganz große Chance. Die Traumreise, der Trip zum Projekt-Olymp. Vielleicht auch für Sie? Mögen Sie mir auf dieser Reise folgen. Vorsicht – es kann daraus ein Albtraum werden. Und wenn es Sie dennoch erwischt? Dann behaupten Sie nicht, ich hätte Sie nicht gewarnt …

Kurz vor dem Start. Wir schließen die Augen und stellen uns das Szenario vor:

Sie arbeiten für einen global agierenden Konzern, der weltweit eines der oben beschriebenen Projekte gestartet hat. Das ist natürlich mit der eigenen Mannschaft nicht zu schaffen. Schließlich sollen Prozesse, Hardware und Software harmonieren wie Prokofjews Romeo und Julia, ein Pas de deux der Extraklasse, eine großartige Symbiose von Hirnleistung und Design, von Funktionalität und Eleganz  …

Klingt nach einer unerfüllbaren Phantasie? Jepp. Sie haben Recht. Muss es zwar nicht sein, ist es allerdings bisher. Aber genau deshalb ist es ja eine Gedankenreise. Sonst hätte ich Ihnen Fotos voll  glücklicher Manager und begeisterter User mit hochgereckten Daumen zeigen können, gegen die jede Science Fiction ein historischer Roman ist. Aber derlei Bilder suchen wir bisher vergeblich. Warum?

Sagt Ihnen 61 Cygni etwas? Sieben Jahre benötigt das Licht dieses Sterns, um zur Erde zu gelangen. Exakt so lange, wie eines dieser Projekt jetzt unterwegs ist. Nur ist das Licht nach sieben Jahren da. Pünktlich wie die Maurer. Nicht aber das Projekt, bei dem nach sieben Lenzen so gut wie nichts fertig ist, außer die Mitarbeiter mit ihren Nerven …Kein Licht am Ende des Tunnels, kein Leuchten in den Gesichtern der Teams. Nur ein schwarzes Loch mit weiterhin düsteren Aussichten. Mittlerweile haben sogar die Verspätungen Verspätung. Und das bei einer Maßnahme, an der sich die Zukunft eines globalen Players entscheiden kann …

Versagt der Plan, regiert der Vertrag

Dass sich das lange abgezeichnet hat? Geschenkt. Das Kind ist im Brunnen, die Karre im Dreck und die Sache heillos verfahren. Aber der Kahn muss wieder flott gemacht werden und zwar schleunigst, bevor man wieder auf Buschtrommeln, Brieftauben oder den Kurier des Zaren zurückgreifen muss. Doch wie geht es weiter mit unserer Gedankenreise, die so gar keine lauschige Kreuzfahrt sein will. Eher eine Ochsentour barfuß durch die Hölle … Sollte man nicht meinen, dass jetzt endlich alle an einem Strang ziehen? Um der Sache willen, auch wenn sich monatelang die linke Hand nicht darum scherte, was die rechte tat?

Mitnichten. Denn wenn Plan A scheitert, kommt Plan B zum Tragen. Und weil man den meistens nicht hat, werden Schuldige gesucht. Gut, dass es mit den externen Dienstleistern Verträge gibt. Denn die Sprache des Vertrags sind Rechte und Pflichten – die verklausulierte Voraussetzung gegenseitiger Schuldzuweisungen und gepfefferter Konventionalstrafen. Ist man erst mal bei den Paragrafen eines Projekts angekommen, weil man seinen Plan pulverisiert hat, kann man es gleich einstampfen oder von Null aufsetzen. Wenn da die Egos nicht wären, die den Logos negieren. Warum etwas für gescheitert erklären, das faktisch gescheitert ist und wieso einen sauberen Reset durchführen, wenn man noch streiten kann? Solange Sprengstoff da ist, muss man auch zündeln – am besten mit Rechtsanwälten, die an jedem Euro verdienen, der zum Zankapfel wird. Und so folgt aufs Heulen und Zähneklappern das Hauen und Stechen.

Stairway to Heaven!

Wäre das mit agilean auch passiert? Müßig, darüber zu spekulieren, oder? Vielleicht nicht. Es könnte eine Blaupause für die Himmelsleiter ins Paradies sein. In einer Firma habe ich mit einem Projektteam, das auf genau diesem Todesmarsch zu scheitern drohte, ein Bild, eine Vision entwickelt, der sie den Namen „Stairway to Heaven“ gegeben haben. Wie diese Vision aussehen kann? In meinem nächsten Blogbeitrag werde ich darüber berichten.

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